Die Prosperität der Stadt Venedig ist untrennbar mit der Entwicklung und Kultivierung von Booten in der Lagune verbunden. Durch die Nutzbarmachung und Erschließung des Marschlandes mit flachen Holzbooten, der dadurch mögliche Handel mit Salz und Fisch, legte den Grundstein für das Bestehen einer tausendjährigen See- und Handelsmacht. Die Entwicklung einer Vielzahl differenzierter, für Transport von Menschen, Tieren und Waren, Militär sowie Freizeit spezialisierter Boote prägt die maritime Identität der Venezianer bis heute. Im Squero, der traditionellen venezianischen Bootswerft wurden Holzboote, die im Stehen durch die engen Kanäle und das offene Meer manövriert wurden, für alle Venezianer hergestellt. Im Zuge des technischen Fortschritts eroberten erste dampfbetriebene Boote die Kanäle Venedigs.
Die steigende Kaufkraft der Venezianer und erschwingliche, industriell gefertigte Boote, ermöglichten es einer breiten Bevölkerungsschicht motorisiert in der Lagune zu verkehren. Kontinuierlich verdrängte das günstige und schnelle Motorboot die traditionellen Ruderboote in der Stadt. Der stetige Prozess, mit kurzzeitiger Trendwende während der Ölkrise von 1970, führte zu einem fast vollständigen Verlust traditioneller Boote und Herstellungsverfahren. In Anbetracht der Klimakrise, die Venedig schon heute stark beeinträchtigt und der Bedrohung von Bauwerken durch starken Wellenschlag, könnten traditionelle, geruderte Boote einen nachhaltigen Beitrag zum Schutz der amphibischen Stadt leisten.
In der Peripherie des Sestiere Cannaregio, die sich den Touristenströmen etwas entzieht, wird an einigen wenigen Orten das traditionelle Handwerk und die Rudertechnik wieder erlernt. Aufbauend auf dem verlassenen Squero dei Muti in Cannaregio soll ein SuperSquero als vertikale Produktionsstätte und Innovationszentrum auf geringer Grundfläche entstehen. Das Entwurfskonzept gründet auf der architekturtypologischen Untersuchung der venezianischen Squero. Dadurch lässt sich ein Regelwerk für Funktion, Programm und Konstruktion ableiten. Auf Mauerwerkspfeilern aufgeständert sollen in dem Holzbau neben Bootswerkstätten auch Werkswohnungen für die Squerarioli entstehen. Die letzten Geschosse dienen als Innovationsraum, hier sollen Produktionsmethoden und Materialforschungen untersucht werden.
Bootskultur
Das Aufkommen motorbetriebener Kunststoff-und Fieberglasboote hat die Anzahl traditioneller venezianischer Ruder- und Segelboote ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts drastisch verringert. Durch den Verlust spezialisierter Boote ging auch das Wissen ihrer Herstellung und Handhabbarkeit verloren. Penzo, Gilberto: Maestri d`ascia, Construire barche a Venezia, Venedig: Marsilio Editori, 2005
Typologie – Verortung der Squeri
Die Gebäudetypologie der Squero bildet seit der Gründung der amphibischen Stadt den privaten Gegenspieler zu den in aller Welt bekannten venezianischen Staatswerften, den Arsenalen. Im Squero, der traditonellen venzianischen Bootswerft werden Holzboote, die im Stehen durch die engen Kanäle und das offene Meer manövriert werden, für alle Venezianer hergestellt. Penzo, Gilberto: Maestri d`ascia, Construire barche a Venezia, Venedig: Marsilio Editori, 2005
Typologische Untersuchung – Squero
Von der Mitte des 18. Jahrhunderts etwa 50 Squeri und 265 in der Gesellschaft der Squerorarioli eingetragenen Handwerkern sind heute noch wenige praktizierende Werften übriggeblieben.