Die Jahre zwischen 1890 und 1990 haben das Nürnberger Stadtbild nachhaltig geprägt. Während die Industrialisierung Fertigungsprozesse in der Baubranche revolutionierte, sorgten Zäsuren wie Weltkriege und politischer Umbruch für Zerstörung mit anschließendem Wiederaufbau. Das 1990 erschienene Buch »Stadtwandel« zeigt eben jene Veränderungen im gebauten Raum: wo einst ein intaktes mittelalterliches Stadtbild vorzufinden war, zeichnete Ende des 20. Jahrhunderts die Stadt eine markante Nachkriegsarchitektur. Dazu sind Fotografien von identischen Orten an verschieden Zeitpunkten gegenübergestellt.
Das Seminar »Stadtwandel« ist ein gefördertes und transdisziplinäres Forschungsprojekt, das an diesem Zeitpunkt ansetzt. Nun mehr 30 Jahre nach genanntem Vergleich ist unsere Gesellschaft von weiteren komplexen Themen konfrontiert. Der Klimawandel verlangt nach nachhaltigen Antworten im Bauen, differenziertere Diskussionen fragen nach Inklusion, Gerechtigkeit, aber auch Demokratie in architektonischer Gestalt und der rasante technologische Fortschritt beeinflusst maßgeblich Praxis und Planungskultur. Eine Stadt steht immer in Beziehung zu der Gesellschaft, die sie gestaltet und ist damit auch immer ein Abbild dieser Prozesse. Anders als unser Ausgangsgegenstand von 1990 binden wir die menschliche Dimension in den Forschungsprozess mit ein. Wir beschäftigen uns nicht mit stilistischen Objekten, sondern mit gebautem Lebensraum.
Methodisch ist das Vorgehen zunächst ähnlich: zu älteren Fotografien aus Nürnberg fertigen wir Neuaufnahmen an, um anhand dieser Vergleichsgegenstände Veränderungen im Stadtbild analysieren zu können. Um den wechselseitigen Einfluss der Stadtentwicklung auf die Lebens- und Verhaltensweisen der Menschen aufzuzeigen, stehen ethnographisches Arbeiten und Stadtsoziologische Inhalte im Fokus.
Hinsichtlich eines möglichen Ausblicks für Nürnberg bis 2050 ist eine intensivere Auseinandersetzung mit KI vorgesehen. Als bereits wichtiges Tool in verschiedenen Disziplinen kann sie uns Hilfestellung bei komplexen Fragen liefern. Dennoch greift auch sie auf einen bereits existierenden Datenfundus zurück, welcher vom eingangs erläuterten Kontext dominiert wird. Durch die eigene Datenerhebung und daraus resultierenden Forschungsergebnissen wollen wir KI-generierte Zukunftsvisionen für Nürnberg kontextualisieren und kritisch einordnen.
Das Ziel ist Lernen durch Forschen: eine bewusste Wahrnehmung des Stadtraums bedarf einer aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit seiner komplexen Vergangenheit, dem gegenwärtigen Status Quo sowie möglicher Zukunftsszenarien. Durch die Vermittlung von Forschungsmethoden im Masterstudium dient das Seminar als exemplarische Vorbereitung für die Erstellung von Abschlussarbeiten. Das Sommersemester 2024 dient als Auftakt für eine weitreichendere Bearbeitung der Thematik.